„Das hat schon im Kindergarten angefangen mit dem Zeichnen“, erinnert sich Lisa Starke zurück. Schon damals war sie mit ihren Stiften unterwegs, hat die Ruhe beim Zeichnen genossen und ist in eine andere Welt eingetaucht. Heute ist sie 29 Jahre alt – und Künstlerin.
Die junge Frau mit den braunen Haaren und einnehmendem Lächeln sitzt in ihrer Wohnung in Bückeburg zwischen ihren Farben, der Staffelei und ihren Kunstwerken. Dass sie eine starke Liebe für die Kunst entwickeln würde, überraschte in ihrer Familie kaum jemanden. Schließlich sind fast alle in ihrer Familie auf die eine oder andere Weise künstlerisch aktiv. „Sie steckt irgendwie so drin, die Ästhetik“, schildert Starke.
Kunst ist die Leidenschaft von Bückeburgerin
Der Bückeburgerin war schnell klar, dass die Kunst ihr Lebensinhalt sein wird. In Hannover studierte Lisa Starke Kommunikationsdesign, während ihres Master-Studiums in Kiel machte sie sich selbstständig. Heute ist Lisa Starke Lehrerin am Besselgymnasium in Minden. „Mir gefällt dort, dass es ein Sportgymnasium ist, der Kunstunterricht hat dadurch eine Leichtigkeit“, schildert die Bückeburgerin. „Es ist total schön an die Schüler weiter zu geben, was mir Freude bereitet“.
Für sich selbst hat Lisa Starke ihren Kunststil bereits gefunden, sie malt „figurativ-moderne Kunst“, wie sie es selbst beschreibt. „Womit ich viel arbeite ist das Verdecken von Elementen. Dadurch kann man viel sichtbar machen“, erklärt sie. Der Betrachter müsse sich selbst fragen: Was fühle ich? Was sind meine Gedanken dazu? Auffällig ist an ihren Kunstwerken, dass die Menschen häufig teilweise verdeckt sind. „Meistens verdecke ich Gesichter zum Teil ganz intuitiv“.

„Ich kann mich stundenlang mit Kunst beschäftigen“, sagt Lisa Starke mit strahlenden Augen. Die Kunst hilft der 29-Jährigen auch dabei, Schicksalsschläge zu bewältigen. Im vergangenen Jahr gab es mehrere Todesfälle in ihrer Familie, „da ich nicht religiös bin und an keinen Himmel glaube, beschäftige ich mich anders mit der Erinnerung“, schildert Lisa Starke.
Ob es ein Gemälde ist oder ein Buch voller Erinnerungsstücke, Zeichnungen und Aquarellen: Mit ihrer Kreativität widmet sie sich ihrer Trauer und der Erinnerung an geliebte Menschen. „Es ist bei manchen Bildern schon ein krasser Prozess“, schildert Starke – denn die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen erfordere viel Kraft.
Bedeutung von Kunst ist immer eine Betrachtungsweise
Man merkt: Ihre Kunst ist sehr persönlich. Häufig bekäme die Künstlerin dann die Frage gestellt, was sie mit einem Werk ausdrücken möchte. „Diese Frage beantworte ich nie!“, sagt Starke. Denn jeder soll ihre Kunst selbst deuten und interpretieren. Dabei kämen immer wieder neue Ideen und Sichtweisen auf ihre Kunst auf. „Das ist das, was Kunst für mich ausmacht: Darüber nachdenken, sich damit identifizieren“.
Zudem seien nicht alle Bedeutungen direkt auf den ersten Blick erkennbar. „Wenn man meinen Hintergrund nicht kennt, kann man meine Bilder auch anders interpretieren“, sagt die Künstlerin. Was genau sie mit dem „Hintergrund“ meint? Mit ihren Werken übt sie häufig Religionskritik, in ihrer Freizeit setzt Lisa Starke sich intensiv mit dem Thema auseinander. „Religion fassen wir mit Samthandschuhen an, aber das sollten wir nicht“, zeigt Starke sich überzeugt. „Mit meiner Kunst trage ich das nach außen“, stellt sie klar. Dabei gehe es ihr nicht um den privaten Glauben Einzelner, sondern um die Instrumentalisierung von Religion auf gesellschaftlicher Ebene.
Facetten der Natur als Faszination
In ihren Bildern soll es aber nicht immer nur um schwere Themen wie Trauer, Religionskritik oder Konflikte gehen. Starke ist wichtig: „Ich will auch leichte Kunst machen“. So erhalten Blumen momentan ihre Aufmerksamkeit als auch Landschaften und das Meer. Gerade die Blumen mögen wie ein „einfaches“ Objekt der Kunst erscheinen, doch „diese Licht- und Schatteneffekte, das Organische, das macht was mit mir“.

Dadurch kam sie auch auf ihre Idee für ein ganz besonderes Gemälde. Es trägt den Titel „Twilsch in’n Koppe“: Der weiße Schriftzug prangt auf blauem Grund über einer Frau. Von ihrem Gesicht ist – wie in Starkes Kunst so häufig – nur ein Teil zu sehen. Der Rest wird von einem extravaganten Hut verdeckt, der die Optik einer roten Mohnblume hat. Um den Kopf herum fliegen zwei weiße Friedenstauben. Aufmerksamen Bückeburgern dürfte diese Beschreibung bekannt vorkommen, denn das Gemälde weht als Fahne in der Innenstadt.
Kunstprojekt in Bückeburger Innenstadt
Beim Projekt „Fahnenwehen“ der Schaumburger Landschaft in Zusammenarbeit mit der Stadt Bückeburg setzte Lisa Starke sich mit „Twilsch in’n Koppe“ gegen eine Vielzahl von Bewerbern durch. Seit April wehen entlang der Langen Straße nun zehn Fahnen von zehn Schaumburger Künstlerinnen und Künstlern.
Für „Twilsch in’n Koppe“, was so viel wie „verrückt im Kopf“ bedeutet, hat Lisa Starke sich von ihrer verstorbenen Oma inspirieren lassen: Sie hat häufig Redewendungen auf Platt genutzt, was durch den Verlust der Oma bei Starke sehr präsent ist. In ihrer künstlerischen Trauerarbeit hat sich Lisa Starke nämlich auch intensiv mit den Redewendungen auf Platt auseinandergesetzt. „Der Dialekt geht verloren, ich habe meine Oma verloren. Was bleibt eigentlich übrig?“, seien die Gedanken gewesen, die sie im Schaffensprozess des Bildes begleitet haben.
Wer ganz genau hinschaut, kann übrigens auch in diesem Bild Starkes Religionskritik erkennen. „Es ist spannend, dass es zufällig direkt vor der Kirche hängt“, schließt die junge Künstlerin. Wer sich selbst von der Kunst Lisa Starkes einen Eindruck verschaffen möchte, kann sich jederzeit ihre Fahne an der Langen Straße betrachten oder sie bei ihrem Stand auf der kommenden Landpartie besuchen.